Der erste Einsatz der Equipe SunClass war zugleich der härteste Einstieg in eine Rennradsaison, den das Team jemals durchzustehen hatte: Nicht nur, dass die Strecke mit 176 Kilometern sehr viel länger war, als die beim German Cycling Cup gewohnten Distanzen – sie wartete zudem mit einer Vielzahl an Höhenmetern auf: “Anders als im Roadbook zu lesen war, summieren sich die Höhenmeter auf knapp über 3.000.”, stellt Lars Reisberg fest. “Das ist schonmal eine Ansage!”.

Bis das Team dieses Foto machen kann, vergehen harte Stunden, Kilometer und Höhenmeter.
Das knapp 2.000 Fahrer große Feld setzt sich pünktlich um 8 Uhr am Hafen von Saint Tropez in Bewegung. Wie zu erwarten war, wird bereits auf den ersten Kilometern das Tempo sehr hoch gehalten – auch, weil zu diesem Zeitpunkt noch alle Fahrer aller Runden zusammen sind. “Logisch, dass die Jungs, die nur eine 75 km-Runde vor sich haben, etwas härter in die Pedale treten, als die, die noch einmal 100 km oben draufpacken müssen.”, erzählt Heiko.

Die Startaufstellung – es sind rund 2.000 Starter am Hafen von St. Tropez.
Die Equipe bleibt geschlossen zusammen und lässt sich die ersten Kilometer vom Sog des Feldes bis Ramatuelle und später Canadel sur Mer im Windschatten ziehen. “Die Stimmung im Peloton war super – was sicher auch an der Sonne lag.”, sagt Florian. Noch am Vortag hatte es einen Dauerregen biblischen Ausmaßes gegeben, der Schlimmes ahnen ließ. “Doch bei dieser Sonne war es ein Traum, entlang der Küstenlinie zu fahren.”

Heiko Kromm am ersten ernstzunehmenden Anstieg: Col du Canadel
Am ersten Berg, dem Col du Canadel, kann sich die Equipe an die Spitze einer etwa 20 Fahrer großen Gruppe setzen und führt diese bis zum Gipfel des Berges. Lars prescht vor und wird hundert Meter vor der Gruppe als erster den Gipfel erreichen: “Ein tolles Gefühl, endlich wieder in Rennhärte eine Steigung nehmen zu können – diese Stille, das schwere Atmen des Feldes hinter Dir – dazu die traumhafte Aussicht.”, schwärmt er, “Es war berauschend.”

Ungewohnt: Florian fühlt sich heute in der Steigung wohl.
Vom Gipfel herab führt eine kurze, rasante Abfahrt, dann folgt eine kurvenreiche Passage entlang der Küste bis zum Col de Babaou, dem zweten Berg: “Das große Feld war mittlerweile dermaßen auseinander gezogen, dass wir unsere Vordermänner schon gar nicht mehr sehen konnten,” beschreibt Heiko die Situation. “Immer wieder haben wir Zurückgelassene eingesammelt – richtig an die Spitze herangekommen sind wir aber nicht mehr.”
Die Selektion am Col du Canadel hat für extreme Vorsprünge gesorgt.

Nach dem Col de Babaou geht es auf dem Berggrat rasant weiter
Den Col de Babaou nimmt die Equipe wieder als Dreiergespann vor der Gruppe, anschließend windet sich die Straße auf 500 bis 600 Metern Höhe über dem Meeresspiegel: “Die Straßenverhältnisse wurden immer schlechter. Extrem rauer Belag, Schlaglöcher und teilweise Sand auf der Fahrbahn – auch in Kurven – sorgten für sehr gefährliche Situationen.”, konstatiert Florian. “Es war die beste Entscheidung, diesen Abschnitt vorn zu fahren, auch wenn diese bedeutet hat, dass wir im Wind das Feld führen mussten.” Die anschließende technisch anspruchsvolle, weil sehr kurvige Abfahrt meistet das Feld ohne Zwischenfall – obschon der Schock tief sitzt, als die Fahrer erkennen müssen, dass anscheinend nicht alle Straßen für den Autoverkehr gesperrt worden waren.

Das Team bleibt zusammen – noch ist die Stimmung perfekt.
“Am Notre Dame kam der Mann mit dem Hammer,” sagt Lars mit Blick auf das Dach des Rennens – den Notre Dame des Anges. Der Anstieg war mit 10 Kilometern Länge und knapp 600 Höhenmetern am Stück die längste Bergaufpassage des Rennens – und gleichzeitig der Scharfrichter: “Ich fühlte mich am Fuße des Berges schon komisch. Mein Magen spielte irgendwie verrückt und anscheinend hatte ich an den beiden kleinen Cols überdreht”, sagt Lars, “deshalb entschied ich mich, den Notre Dame ganz langsam und ruhig anzugehen.” Heiko und Florian fahren davon – das bis dato recht kompakte Feld aus 20 Fahrern wird von der Steigung zerstäubt.

Später, am Col de Vignon, lassen Lars und Heiko die Gruppe ziehen.
“Der Berg war nicht sehr steil – obschon es einige heftige Passagen gab – aber die Kombination aus Hitze, Tempo und Länge hat schon richtig weh getan”, weiß Florian zu berichten. “Heiko ist sofort vorneweg gestürmt, ich fühlte auch sehr gute Beine, ließ es aber auch ein bisschen ruhiger angehen – immerhin lagen wir erst bei Kilometer 80.”
Heiko erreicht als erster den Gipfel, dann trifft Florian ein, der heute auch auf eine starke Form zählen kann: “Ich weiß auch nicht, aber heute fühlte ich mich sehr stark. Normalerweise sind Steigungen so gar nicht meins, aber ich fühlte keine Ermüdung, keinen Schmerz – und bin einfach vorneweg marschiert.”

Lars Reisberg am Canadel – die Aussicht kann hier keiner genießen
Oben angekommen warten die Beiden auf Lars, der wenige Minuten später eintrifft. Magenprobleme quälen ihn, ständiger Brechreiz und erste Krämpfe machen jeden Antritt zur Tortur. “Ich hatte stetigen Brechreiz im Anstieg – hatte ich etwas Falsches gegessen? – und dazu kamen Krämpfe im linken Oberschenkel. Oben angekommen habe ich mir erst einmal ein Gel, einen Riegel und viel Wasser einverleibt. Das war schon sehr enttäuschend für mich.”, sagt Lars. Das Team geht zusammen in die Abfahrt – an geschlossene Felder ist jetzt schon nicht mehr zu denken.
“Es war schon erstaunlich zu sehen, wie dieser Berg die gesamte Rennstruktur pulverisiert hatte”, sagt Heiko, “Aber angesichts dessen, was da vor uns lag, war das wohl auch ganz gut.” Die anschließende, rund10 Kilometer lange Abfahrt, fordert alles von den Rennradfahrern: “Ich dachte mir nur – das können die doch nicht machen! Aber anscheinend war das ernst gemeint …”

Heiko gibt Vollgas am Abhang – Fehler können hier schlimme Folgen haben.
Die Straße ist in einem erbärmlichen Zustand. Große Löcher klaffen allenthalben in einer Asphaltdecke, für deren Beschreibung das Wort “rau” sehr untertrieben wäre. “Das Rad ist unter mir gesprungen, als wenn ich es über Kopfsteinpflaster jagen würde!”, sagt Lars. “Paris-Roubaix-Feeling bei 10% Gefälle und 700 Meter Abhang neben mir. An dosiertes Bremsen war kaum zu denken, ein Wunder, dass bei dieser Tortur keine Reifen geplatzt, keine Rahmen gebrochen und niemand sich verbremst hatte! Unverantwortlich, eine solch kreuzgefährliche Passage einzubauen!” 10 Kilometer Abfahrt unter diesen Bedingungen geben Handgelenken, Nacken- und Armmuskulatur den Rest.
“Bei der Verpflegungsstation im Tal kamen wir an und sahen aus, als hätten wir schon 180 Kilometer hinter uns – dabei stand der Tacho gerade einmal bei knapp über 100!”, beschreibt es Florian. Eine kurze Bestandsaufnahme ergibt, dass es Lars weiterhin nicht gut geht, Heiko und Florian beschließen jedoch, dass sie zu dritt zusammenbleiben würden – auch unter dem Eindruck der gefährlichen Streckenführung und dem Umstand, dass es hier keine Felder oder Gruppen mehr gäbe. Eine knapp 80 Kilometer lange Alleinfahrt wäre weder im Sinne des Teams noch im Sinne einer sicheren Ankunft gewesen.

Nach dem Notre Dame geht es nach Gonfaron – Lokomotive Florian stürmt voran.
“Anschließend ging es etwas flacher weiter,” erzählt Florian. “Es folgte eine wunderschöne, recht schnelle Passage durch ein Moorgebiet bis Gonfaron und dann ging es mit Rückenwind – sehr schnell – bis zum nächsten Berg, dem Col de Vignon.” Lars fährt im Windschatten seiner Teamkollegen, versucht, durch viel Flüssigkeit die Krämpfe zu vertreiben und seine Kräfte zu schonen: “Das war schon frustrierend – sobald ich über eine gewisse Belastung des Muskels hinaus kam, war sofort der Krampf da. Physisch wäre es kein Probklem gewesen, schneller zu fahren, aber die stetigen Krämpfe ließen keine höhere Speed als 33 km/h zu.”
Am Vignon zieht es die spärliche Gruppe von 5 Mann wieder auseinander – Florian vorneweg, dann Heiko und hinten Lars. “Im Anstieg zum Vingon setzte bei mir dann schlagartig die Ermüdung ein.”, berichtet Heiko. “Ich merkte sofort, dass ich langsamer machen musste und nahm raus.” Oben angekommen wartet die letzte Verpflegung und die Feldertrennung zur 180 km- und 135-km-Runde.

Florian kann heute eine starke Leistung abliefern.
“Mir ging es zu diesem Zeitpunkt wirklich schlecht”, weiß Lars zu berichten: “Die Krämpfe kamen jetzt häufiger, mein Brechreiz wollte nicht verschwinden – Flo und Heikon sahen noch recht frisch aus, was mir echt Gewissensbisse bescherte.” Immer wieder nehmen Florian und Heiko raus, um es Lars zu ermöglichen, in deren Windschatten fahren zu können.
“Wir hatten bechlossen zusammen zu bleiben – diesmal hat es Lars getroffen, es hätte aber auch jeder andere von uns sein können. Alleine diese Distanz und diese Berge zu meistern wäre unzumutbar – den Druck, bei einer Panne oder gar einem Sturz das allein managen zu müssen, hätte unnötig Frust erzeugt.”, bestätigt Heiko.
Nach etwa 10 Minuten geht es wieder los – es folgt eine weitere Abfahrt und die Passage bis Vidauban und zurück zum Massif Maures. Die Equipe fort die Spitze einer 6 Fahrer starken Gruppe – Florian führt die Rennfahrer mit einem 35er bis 37er-Schnitt. Massig Windschatten und ein zur Abwechslung sehr guter Straßenbelag lassen die fahrer schnell vorankommen. Doch hinten hat Lars weiterhin Probleme – sobald er über eine gewisse Grenze der Belastung kommt, krampft der Muskel sofort. “Ich bin vorgefahren und habe den Jungs gesagt, dass ich keine 37 km/h gehen kann. Es ging einfach nicht, die Krämpfe waren zu hart.”

Das Team SunClass ist oft an der Spitze zu finden.
Da Florian sich noch sehr frisch fühlt, beschließt das Team, sich doch zu trennen: “Bei mir gingen auch langsam die Lichter aus”, sagt Heiko rückblickend: “Ich wusste, dass ich das hohe Tempo für die verbliebenen 60 km nicht würde durchhalten können – also beschlossen wir, Flo ziehen zu lassen und als Duo weiter zu fahren.” Am letzten großen Col erfolgt die Trennung – langsam ziehen Florian und die verbliebenen 3 Fahrer davon, Lars und Heiko bleiben allein.
“Das war schon ein bisschen frustrierend”, gibt Lars zu, “aber letztendlich ging es zu diesem Zeitpunkt ums bloße Ankommen bei uns. Ich selbst fühlte langsam Besserung – die berühmte “zweite Luft” – und das Treten fiel mir zunehmend leichter. Es hatte sich gelohnt, viel mehr Flüssigkeit zu mir zu nehmen und mich an der letzten Verpflegungsstelle so richtig vollzustopfen. Allerdings machte mir Heiko Sorgen – schwer atmend und sichtbar schwächer werdend, konnte ich ihm die Anstrengung ansehen – dabei ist es doch Heiko, der sonst mit seinem Pokerface absolut undurchsichtig bleibt.”

Das hohe Anfangstempo bei Ramatuelle fordert nun seinen Tribut.
Das Duo geht in die letzten Anstiege – eine verlassene, fast wie aus einer Westernkulisse stammende Hügellandschaft. Die Steigungen waren sehr viel weniger steil, dafür sehr lang gezogen. Sie sammeln einen Einzelfahrer ein, den Lars motiviert, sich dranzuhängen: “Zusammen geht es einfacher!” Die letzten eineinhalb Stunden sind für die beiden die Hölle: “Ich war einfach nur komplett leer gefahren! Mein Magen hat sich geweigert, auch nur an die Aufnahme eines Gels zu denken – meine Beine fühlten sich an wie Gummi. Es war schrecklich!”
Vorne kämpft sich Florian mit den drei Rennfahrern mit mittlerweile fast 5 Minuten Vorsprung durch die Pampa – nicht weniger schmerzhaft. “Wir hatten uns ausgiebig mit dem Profil der Strecke beschäftigt und ich wusste, dass das Ziel in Gassin einen letzten steilen Anstieg haben würde – den fürchteten wir alle und blickten immerzu auf die Berge: Wo würde es dann zum finalen Anstieg hochgehen?”
Das Wetter wird zunehmend schlechter – immer wieder schieben sich dicke Wolkenpakete vor die Sonne. Es wird kühl, der Gegenwind nimmt zu. Erste Tropfen fallen.

Beim Flachstück nach Vidauban sind die drei Fahrer allein.
Als dann der Regen einsetzt kann bei Lars und Heiko die Stimmung schlechter nicht sein: Lars kann sich etwas erholen, Heiko baut sichtlich ab. Eine kleine Pinkelpause im Regen kann wenig Verbesserung bewirken. “Wir fingen an, uns Witze zu erzählen und uns abzulenken”, sagt Heiko: “Wir wussten ja, dass wir noch mehr als eine Stunde unterwegs sein würden und dann der Endanstieg …”
Der nicht kam: Der Veranstalter hatte entweder eine falsche Strecke ins Internet gestellt oder kurzfristig umgeplant: Anstelle den kurzen, harten Schlussanstieg fahren zu müssen, wurden die Fahrer auf eine fast 3 Kilometer lange, schnurgerade Strecke geschickt.
Ein abschließendes Zeitfahren, so fühlt es sich an. Lars dreht noch einmal mit letzter Kraft auf und zieht los. “Der Gegenwind war furchtbar! Lars hatte sich vor mich gesetzt und ich war echt dankbar für den Windschatten!”, sagt Heiko. “Aber mir graute es vor dem Endanstieg – umso größer die Überraschung, als wir auf einmal hart links abbiegen mussten und im Ziel waren.”

Das Massif Maures bietet wunderschöne Ausblicke – und harte Arbeit.
Begeisterung trotz vollkommener Erschöpfung fast greifbar: Die Siegerehrung für die belgischen Gewinner des Granfondo ist im vollen Gange, als die Equipe SunClass, nun wieder komplett, bei einer Riesenportion Paella die Wunden lecken und das Rennen Revue passieren lassen kann.
176 Kilometer mit einem 25er Schnitt – Florian beendet das Rennen als 214ter der 264 Teilnehmer der großen Runde nach 7 Stunden 16 Minuten, Lars und Heiko kommen auf den Plätzen 221 und 222 etwa 8 Minuten später ins Ziel.

Nach dem Rennen – ein verdienter Latte Macchiato am Hafen.
“Dass der Gewinner mit 4:58 Stunden fast zweieinhalb Stunden schneller war als wir, bestätigt unsere Annahmen, dass die UCI World Cycling Tour eine ganz andere Qualität hat”, sagt Florian. “Die Leistungen der Teilnehmer bei diesen Rennen sind galaktisch verglichen zu dem, was wir beim GCC leisten mussten.”, bringt es Lars auf den Punkt.
“Das Erreichen der besten 25% der Altersgruppe wird wohl ein Traum bleiben”, sagt Heiko mit Hinblick auf die Weltmeisterschaft der UWCT in Pietermaritzburg: “Aber der Umstand, dieses – für mich bisher härteste Rennen – beendet zu haben, 176 Kilometer und mehr als 3.000 Höhenmeter durchgehalten zu haben, kann uns alle sehr stolz machen!”

Stolz kann das Team für die Leistung sehr wohl sein.
Nun heißt es etwas ausspannen und dann geht es in 30 Tagen wieder los. Wenn der Granfondo New York ansteht. Wir freuen uns auf den zweiten Einsatz der Equipe SunClass in der Rennrad-Saison 2012 bei den härtesten Jedermann- und Amateurrennen Europas (und New York natürlich …)
